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Der Kuss? Die Stühle? Goethe und HardheimVortrag zum 250. Geburtstag Goethes im Erfatal-Museum Hardheim Peter Wanner Das Jahr 1999 war Goethe-Jahr. Landauf landab erinnerten Ausstellungen, Feierstunden, Fernseh- und Kinofilme, Lesungen, Theaterstücke, Bücher und Broschüren an den Dichter, der 250 Jahre zuvor am 28. August 1749 in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickt hatte. Auch Hardheim mochte da nicht zurückstehen, ist die Beziehung des Dichters zu dem Ort im Erfatal doch eine doppelte: Zum ersten hielt sich Goethe hier 8. Oktober 1815 einige Stunden auf. Und die zweite steht seit einigen Jahren im Erfatal-Museum in Hardheim drei Stühle, die aus der familiären Umgebung von Goethe stammen und die aus Anlass des Goethejahrs restauriert und mit einem neuen Polster im Stil der Zeit ihrer Entstehung versehen wurden. Goethe und die StühleDie Stühle stammen aus dem Haushalt der Frankfurter Familie Melber. Johanna Melber, geb. Textor, war die Schwester von Goethes Mutter Catharina Elisabeth. Sie bewohnte mit ihrem Mann, dem Geheimrat Georg Adolph Melber, ein Haus am Frankfurter Markt. Goethe hat sie in seinen Kinderjahren dort oft besucht. Die umtriebige Geschäftigkeit im Melberschen Haushalt hat den jungen Goethe stark beeindruckt. Er berichtet in Dichtung und Wahrheit" von seinen Besuchen bei Melbers, deren Wohnung und Laden mitten im lebhaftesten, gedrängtesten Teile der Stadt an dem Markte lag. Hier sahen wir nun das Gewühl und Gedränge, in welches wir uns scheuten zu verlieren, sehr vergnüglich aus den Fenstern zu." Besonders beeindruckt war er von der Geschäftigkeit und liebevollen Fürsorglichkeit seiner Tante, die ihn offensichtlich als Kind sehr gerne mochte und verwöhnte. Sie habe früher Abgötterei mit mir getrieben", erzählt er. Auch in ihrem Hause war um sie her alles bewegt, lebenslustig und munter, und wir Kinder sind ihr manche frohe Stunde schuldig gewesen." (Goethe, Dichtung und Wahrheit (1998), S. 42) Die regelmäßigen Besuche dauerten bis 1756, Goethes siebtem Lebensjahr; dann kam es zu familiären Streitigkeiten wegen des preußisch-französischen Krieges. Goethe hat aber bis in seine Weimarer Zeit hinein freundliche Worte für seine Tante gefunden. Bis zur Restaurierung der Stühle war man im Erfatal-Museum davon ausgegangen, dass sie um 1750 entstanden waren, Goethe selbst bei seinen Besuchen sie also benutzt haben könnte. Der sachverständige Restaurateur machte dieser Annahme leider ein Ende; die Stühle sind vier Jahrzehnte jünger und dem Stil directoire zuzuordnen, dem Stil der Jahre der Direktoriumsverfassung im revolutionären Frankreich zwischen der Einführung dieser Verfassung am 1. Vendémiaire (23. September 1795) und dem Staatsstreich durch Napoleon Bonaparte am 18. Brumaire (9. November 1799). Damit sinkt zwar die Chance, dass Goethe selbst die Stühle besessen" oder besser bekniet" hat, wie das Kinder tun. Er hat Frankfurt schon 1765 verlassen, zunächst zum Studium nach Leipzig, dann über weitere Stationen schließlich 1775 nach Weimar, wo er unterbrochen durch Reisen und Kuraufenthalte bis zu seinem Tod 1832 lebte. Es ist nicht überliefert, ob er bei einem seiner seltenen Besuche in Frankfurt auch seine Tante Melber noch einmal besucht hat. Marie Josephine Henninger aus HardheimDen historischen Wert der Stühle mindert dies kaum, gerade wenn wir den Weg verfolgen, der die Stühle nach Hardheim geführt hat: 1814, ein Jahr vor Goethes Aufenthalt in Hardheim, wurde hier ein Mädchen geboren, das auf den Namen Marie Josephine Henninger getauft wurde. Sie ist das Bindeglied zwischen Hardheim und den Stühlen aus dem Umkreis von Goethe: Sie trat 1841 in den Dienst der Familie Melber. Sie bleibt im Dienst der Familie, bis sie 1889 als 75-jährige stirbt. Mit ihrem Nachlass kommen auch die Stühle nach Hardheim sie waren ein Geschenk der Familie Melber an ihre treue Dienstmagd. Josephine Henninger wurde mehrfach geehrt für ihre Dienste 1866 etwa dichtet der Enkel von Goethes Tante, Dr. med. Georg Melber, zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum:
Und der Verein zum Wohl der dienenden Klasse" verlieh ihr aus Anlass ihres Ausscheidens nach 44-jährigem ununterbrochenen Dienst bei der Familie Melber für Fleiß, Sittlichkeit und Treue eine Ehrengabe. Als Symbol dieser Tugenden prangt auf der dazugehörigen Urkunde ein Bienenkorb. Schon 1851 hatte Josephine Henninger eine solche Ehrengabe erhalten, nachdem sie 10 ¾ Jahr ununterbrochen bei Frau Doctor Melber" tätig war, mit dem rühmlichen Zeugnisse der Treue, des Wohlverhaltens und der Sittlichkeit". Sie bekam außerdem einen Geldpreis von 15 Gulden aber keineswegs sofort ausbezahlt, nein, das Geld wurde bei der Löblichen Sparkasse dahier angelegt" mit der Bestimmung, daß ihr dieser Preis nebst Zinsen nach fünf Jahren eigenthümlich überwiesen werden soll, wenn sie nach dieser Zeit vorteilhafte Zeugnisse ihres fortgesetzten Wohlverhaltens und sittlichen Betragens [...] vorzulegen im Stande ist" ... Goethe und der Kuss von HardheimDoch wenden wir uns nun der zweiten Beziehung zwischen Hardheim und Goethe, Goethe und Hardheim zu: Dem Aufenthalt des Dichters in der Erftal-Metropole" am Sonntag, dem 8. Oktober 1815 in dem Jahr, in dem Napoleon sein Exil auf der Insel Elba verließ, bei Cannes in Frankreich landete und mit einem Trupp von Anhängern und Soldaten nach Paris marschierte. Im Juni erlebte er dann seine sprichwörtlich gewordene Niederlage bei Waterloo, der Ex-Kaiser wurde auf die Insel St. Helena deportiert. Goethe unternimmt in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Reise in die Rhein- und Maingegenden", trifft Marianne von Willemer wieder, die letzte große Liebe seines Lebens, und flieht sie Anfang Oktober, wie er in seinem Leben oft geflohen ist, wenn der Boden zu heiß wurde, der Boden der Liebe. Thomas Mann, ein anderer ganz Großer der deutschen Literatur, beschreibt in seinem Roman Lotte in Weimar" diese Reise er legt dem Goethe des Jahres 1816 folgende Worte über Goethes Reisebegleiter Sulpiz Boisserée in den Mund:
Nun sind wir schon mitten im Geschehen, beim Kuss von Hardheim, der doch einiges Aufsehen erregt hat in der Literaturgeschichte Aufsehen vor allem deshalb, weil in der Überlieferung die Szene sehr viel fragwürdiger ist als das, was Thomas Mann hier daraus macht. Es gibt nur eine Quelle für die hier geschilderten Ereignisse das Tagebuch des schon erwähnten Sulpiz Boisserée. Sulpiz Boisserée er lebte zusammen mit seinem Bruder in Heidelberg; die beiden aus Köln stammenden Kunstgelehrten und Kunstsammler hatten eine bedeutende Sammlung niederrheinischer Tafelbilder zusammengetragen, von denen sich auch Goethe tief beeindruckt gezeigt hat. Er war 1814 und 1815 bei ihnen in Heidelberg, in ihrem Palais am Karlsplatz, zu Gast es beheimatet seit Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts sehr passend das Germanistische Seminar der Universität Heidelberg. Boisserée beschreibt sein Zusammensein mit Goethe sehr ausführlich, mit vielen Abschweifungen; er gibt auch immer wieder den Inhalt der Gespräche mit dem Dichter wieder. Von ihm wissen wir auch das meiste über die Liebe Goethes zu Marianne von Willemer: Die beiden hatten sich erstmals im August 1814 getroffen; Marianne war damals noch nicht verheiratet, lebte 30-jährig im Haus des Frankfurter Bankiers Johann Jakob Willemer. Kurz nach der Begegnung mit Goethe heiraten Marianne und Willemer, fast so, als hätten sie die Gefahr für ihre Beziehung erkannt. Goethe arbeitet in diesen Monaten an seinem west-östlichen Diwan, und nachdem er einige Gedichte Marianne widmet, kommt es zu einem lyrischen Gedankenaustausch zwischen beiden, der von erotischen Anspielungen nur so sprüht auch als Goethe über die Wintermonate nach Weimar zurückgekehrt ist:
Die Erwiderungen von Marianne von Willemer hat Goethe ebenfalls in seine Gedichtsammlung aufgenommen ein in der Literaturgeschichte weithin einmaliger Fall. Zu diesen Erwiderungen gehören etwa folgende Zeilen:
Anfang September 1815 wird die Situation prekär in dieser Dreier-Konstellation, und Goethe beginnt sich zurückzuziehen, wie dies in Goethes Leben man denke nur an seine Liebe zu Charlotte Buff nicht einzigartig war. Man trifft sich am 15. September auf der Gerbermühle, dem Wohnsitz der Familie Willemer; Goethe hatte an diesem Tag außerdem das wohl in Heidelberg entstandene Gedicht über das Blatt des Gingko-Baums an Marianne abgesandt:
Nach der Rückkehr nach Heidelberg kommen Willemers noch einmal in die Stadt, reisen aber am 26. September aus Heidelberg ab. Goethe dichtet:
Danach hält Goethe nichts mehr in Heidelberg:
Boisserée schreibt weiter:
Soweit die Geschichte, das, was wir wissen über diesen Kuss. Aber es stellen sich noch einige Fragen, so zum Beispiel die nach dem Ort des Geschehens, der bei Boisserée nicht detailliert genannt wird. Aber wir können mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Goethe und sein Begleiter in jenem Hardheimer Gasthaus Rast gemacht haben, das gleichzeitig auch Posthalterei war: Der Grüne Baum", damals im Besitz des Gastwirts und Posthalters Franz Adam Burkard. Er übergab den Betrieb 1836 seinem Sohn Gottfried Burkard, der sechs Jahre später wohl aus gut badischem Patriotismus beim Bezirksamt um die Genehmigung einkam, den Schild in Zum Badischen Hof" umändern zu dürfen, was ihm auch gestattet wurde. Weshalb man noch heute in jenem Gasthaus eine Goethe-Stube" findet. Als zweite Frage stellt sich die, was Boisserée wohl mit alter Mincio" gemeint haben mag? Die Herausgeber seines Tagebuches vermuteten hier einen Schreibfehler und schlugen als Lesart alter Micio" vor Micio heißt eine Gestalt in einer Komödie des antiken römischen Dichters Publius Terentius Afer, genannt Terenz, entstanden um 160 v. Chr. Aber das scheint uns wenig Sinn zu machen. Vielmehr heißt der Fluss, der den Gardasee nach Süden entwässert und an dessen Hängen bis heute Reben wachsen, Mincio, in der Schreibweise von Boisseree. Eine kurze Recherche im weltweiten Informationsnetz brachte als Treffer denn auch das Angebot eines italophilen Weinhändlers, bei dem eine Flasche 92er Merlot der Lage Alto Mincio" für 11,80 DM erhältlich ist. Damit wissen wir auch, was die beiden Reisenden getrunken haben zum Kuss in Hardheim, einen Rotwein, den der Wirt vermutlich zur Ehre des berühmten Gastes aus seinem Keller geholt hat, wobei Sulpiz Boisserée in seinem Tagebuch aus der italienischen Ortsbezeichnung alto" (hoch) ein deutsches alter" gemacht hat der Wein war wohl tatsächlich nicht mehr ganz jung. Aber nun zur dritten und für viele entscheidenden Frage: Wer hat denn nun geküsst dort im Grünen Baum in Hardheim? Gerade über diese Frage haben sich die Literaturwissenschaftler vielfach den Kopf zerbrochen, denn Boisserée schreibt nur lapidar: Kuß!" Uns hat das Studium der Originalhandschrift nahegelegt, was wir doch alle schon vermutet haben: Goethe hat geküsst, der alte Schwerenöter, kaum dass er sich von der Geliebten getrennt und kurz bevor er zur Ehefrau in Weimar zurückgekehrt ist. Und ihn wollen wir zum Schluss deshalb auch noch einmal zu Wort kommen lassen:10
LiteraturBoisserée, Sulpiz: Tagebücher. Bd. I: 18081823. Darmstadt: Eduard
Roether Verlag 1978 (= Sulpiz Boisserée: Tagebücher 18081854. Im Auftrag der Stadt
Köln herausgegeben von Hans-J. Weitz) Goethe erzählt sein Leben. Hrsg. v. Hans Egon Gerlach u. Otto Herrmann. München 1981 Goethe, Johann Wolfgang von: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hrsg. von Erich
Trunz. Gräter, Carlheinz: Der Kuß von Hardheim: Johann Wolfgang Goethe im Madonnenländle. In: "... muß in Dichters Lande gehen ..." . - München [u.a.], 1989. - S. 183190 Mann, Thomas: Lotte in Weimar. Roman. Frankfurt a.M. 1990 |
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